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Der gute Mensch

Nach einem Pädagogen

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Bernd Herwanger

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Grundfrage


Einleitung

1. Problem

2. Problem

3. Problem

Zusammenfassung


Kritik

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Einleitung

Diese Ausführung ist keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern eine rein persönliche Stellungnahme. Sie ist ein Definitionsversuch aus Sicht eines Menschen der versucht, gut zu sein. So basiert die Ausführung weitgehend auf eigenen Erfahrungen und Überlegungen.

1. Problem: Wer sagt mir, was gut ist?

Was macht einen guten Menschen aus, oder welche Eigenschaften muss ein Mensch haben, um ein guter Mensch zu sein? So interessant diese Frage ist, so unbeantwortbar muss sie für jeden Menschen bleiben. Wir können allenfalls kleine Mosaiksteinchen finden und versuchen, daraus ein möglichst vollständiges Bild eines guten Menschen zusammenzusetzen. Und selbst dies ist mit unserem beschränkten menschlichen Wissen und Gewissen ein gefährliches Unterfangen, wie die Geschichte immer wieder gezeigt hat und zeigt, wenn "Gutsein" auf einzelne Aspekte verengt wurde:

  • der Staatsbürger im dritten Reich, der dann gut war, wenn er "funktionierte", also gehorchte und nicht widersprach;
  • der Soldat, der dann gut ist, wenn er die angeordneten Befehle ausführt, um sein Land zu "schützen", auch wenn die Befehle nicht seiner eigenen Überzeugung entsprechen (z.B.: die blutigen Unterdrückung der Massendemonstration auf dem "Platz des Himmlischen Friedens" für mehr Freiheit und Demokratie im Juni 1989 durch das chinesische Militär);
  • ...

Vielfach wird dabei "gut" mit "bequem" verwechselt und das auch nur aus der Sicht weniger Funktionäre.

Welche Kriterien eignen sich denn überhaupt, um zu definieren, wer gut ist? Oder anders gefragt: Auf welche Instanzen kann ich mich berufen, wenn ich gut sein will? Und wer definiert, was gut ist? Kann und darf ich mich bei der Suche nach dem Guten auf meine Mitmenschen verlassen oder lieber nur auf mich selbst? Kann mir der säkulare Staat dabei weiterhelfen oder doch lieber irgendeine Religionsgemeinschaft?

Das Dilemma liegt wohl darin, dass mir keiner wirklich sagen kann, was gut ist. Was der eine als gut ansieht, ist für den anderen schlecht, wie es folgende Volksweisheit treffend beschreibt: "Allen Leuten recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann." Bei der Suche nach dem Guten bin ich also ganz alleine auf mein Gewissen angewiesen, das durch die Fülle der Einflüsse von Religion, Staat und Mitmenschen beeinflusst wird und daraus das ihm richtig Erscheinende herausfiltern muss. Dabei steht im christlichen Abendland mit Sicherheit der Einfluss der christlichen Religion (direkt oder indirekt) im Vordergrund.

2. Problem: Was ist gut? Und wann bin ich gut?

Der gute Mensch horcht auf sein Gewissen

Um einer möglichen Antwort näher zu kommen, werde ich zunächst eine Begebenheit erzählen, die ich bei einem Israelaufenthalt so mitbekommen habe:

Spät in der Nacht, kurz bevor der Telefondienst für den Volontär zuende war, klingelte es an der Pforte. Der Volontär ließ vier jungen Leute ein, die sich auf dem Weg von Safed nach Jerusalem verspätet hatten und nun auf der Suche nach einem Nachtlager waren. Da setzte für den Volontär der Konflikt ein. Er wusste nur zu genau, dass er nach der Tagesabrechnung um 22.00 Uhr kein Zimmer mehr vergeben durfte. Aber er wusste genauso gut, dass er die vier Jugendlichen nicht auf den nächtlichen Straße Jerusalems stehen lassen konnte. Kurzerhand entschloss er sich, sie mit ihren Schlafsäcken in den Empfangsraum zu legen. Für eventuell weitere Nächte könnten sie sich ja am nächsten Morgen anmelden und ein Zimmer bekommen. Damit war für ihn das Ereignis zunächst erledigt.
Doch am nächsten Morgen wurde es für ihn sehr unangenehm, als die Leiterin der Einrichtung auf ihn zukam, was ihm den einfallen würde, mitten in der Nacht Leute hereinzulassen und in den Empfangsraum zu legen. Das würde ja wie in einem Zigeunerlager aussehen. Nach 22.00 Uhr dürfe niemand mehr eingelassen werden, dies hier sei eine christliche Einrichtung, die sich keinen 24-Stundenservice leisten könne.
Zugleich verwirrt, beschämt und wütend blieb der Volontär stehen. Sein Weltbild kam gewaltig ins Wanken: "Wo ist da die christliche Nächstenliebe, die von der Kirche immer gepredigt wird?"
Ein Gast, der die "Strafpredigt" am Rande mitbekommen hatte, redete aus Interesse später mit dem Volontär darüber und fragte abschließend etwas besorgt: "Und was würdest du tun, wenn in der kommenden Nacht wieder jemand um ein Quartier bittet?" Der Volontär antwortete: "Ich würde wieder genau das Gleiche tun." Daraufhin lächelte der Gast zufrieden und bestärkte den Volontär.

Hat der Volontär in dieser Situation nun gut gehandelt oder nicht? Aus Sicht der Leiterin ist es eindeutig: er hat falsch und somit schlecht gehandelt. Dagegen war und ist sich der Volontär seiner Sache ziemlich sicher und wird durch den Gast zusätzlich bestätigt, dass er richtig und somit gut gehandelt hat. Und objektiv lässt es sich wohl nie beantworten.
Für mich ist jedoch klar, dass der Volontär im Rahmen seiner Möglichkeiten richtig und somit gut gehandelt hat. Er hat die ihm auferlegten Verbote mit den Gefahren und Bedürfnissen der Jugendlichen verrechnet und sein Gewissen entscheiden lassen. Und das Gewissen verlangte eindeutig, die Jugendlichen aufzunehmen. Und auch wenn er fast damit gerechnet hatte, dass sein Handeln der Leiterin missfallen wird, folgte er seinem Gewissen.

Als Fazit lässt sich somit festhalten, dass ein guter Mensch auf jeden Fall seinem Gewissen verpflichtet ist und so weit wie möglich so handelt, dass er es mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Dabei schaut er in erster Linie nicht darauf, was für ihn dabei herausspringen kann, sondern dass der Nutzen für die Allgemeinheit größer ist als ein möglicher Schaden.

Der gute Mensch ist im Glauben verwurzelt

Von Zeit zu Zeit lese ich gerne in alten Briefen. Und dabei stelle ich immer wieder fest, dass Briefe von bestimmten Leuten noch immer aussagekräftig sind und den gleichen Wert haben wie früher, wohingegen ein Großteil der Briefe zu leeren Worten verkommen ist. Woran liegt das, dass manche Leute mit jedem Buchstaben etwas Wertvolles aussagen, während andere viel schreiben können, ohne ihren Worten große Bedeutung beizumessen? Bei genauerem Hinsehen und Überlegen, von wem die bedeutungsvollen und wertvollen Briefe kamen, zeigte es sich, dass es sich durchweg um Leute handelte, die sich kritisch mit religiösen Aussagen auseinandersetzten oder tatsächlich in ihrem Glauben verwurzelt waren.
Durch die Auseinandersetzung mit Inhalten der großen Weltreligionen werden die Sinne für soziale und menschliche Bedürfnisse geschärft, da in vielen Religionen (zumindest in Judentum, Christentum und Islam) das Gebot der Nächstenliebe eine zentrale Rolle spielt. Mit geschärften Sinnen nimmt man wiederum seine Mitmenschen und seine Mitwelt besser wahr und sieht, wo man helfen kann und muss.
Zusätzlich reden und handeln viele Menschen, die in ihrem (christlichen) Glauben verwurzelt sind, selbstsicherer als ein Großteil der anderen Menschen. Da sie sich auf einen verzeihenden Gott verlassen, sind sie nicht so stark auf die direkte Anerkennung durch ihre Mitmenschen angewiesen. Sie fühlen sich in ihren Entscheidungen freier und handelnd daher nicht, um ihren Mitmenschen zu gefallen, sondern weil es ihnen selber im Moment wichtig ist, dieses oder jenes zu tun. Somit werden sie in ihren Handlungen natürlicher und ehrlicher, was eine Grundvoraussetzung für "gut sein" ist. Denn "gut sein" ist zweckfrei.

3. Problem: Ist es mir möglich, willentlich gut zusein?

Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass es jedem Menschen möglich ist, gut zu sein. Egal wie sich ein Mensch im Moment gibt, hat er die Möglichkeit, sich für das Gute oder das Böse zu entscheiden. Im Kern jedes Menschen ist das Gute angelegt, es muss nur gepflegt und herangezogen werden. Wird es nicht gepflegt und gefördert, verkommt es und gibt dem Bösen Raum. Alleine aus sich heraus schafft es der Mensch jedoch nicht gut zu sein.
"Gut zu sein" ist weder eine reine Willensentscheidung noch ein "ad hoc" - Ereignis. Vielmehr ist es eine Grundhaltung, die meinen Willen und mein Handeln beeinflusst. "Gut zu sein" ist ein "positiver Teufelskreis": Über den bewussten Willen lässt sich längerfristig eine positive Grundhaltung aufbauen. Diese positive Grundhaltung beeinflusst wiederum das Verhalten und den bewussten Willen.
Dem Menschen gelingt es allerdings nicht, in einer bestimmten Situation gezielt ein guter Mensch zu sein. Denn wenn er versucht, bewusst gut zu sein, verliert er an Echtheit und Direktheit. Beides ist aber notwendig um gut zu sein. Die besten Taten vollbringt ein Mensch dann, wenn er sich dessen gar nicht bewusst ist. Der Evangelist Matthäus liefert dafür ein beeindruckendes Beispiel aus der Glaubensgeschichte des Christentums:

"Dann werden die, die Gottes willen getan haben, fragen ‚Herr, wann sahen wir dich jemals hungrig und gaben dir zu essen? Oder durstig und gaben dir zu trinken? Wann kamst du als Fremder zu uns, und wir nahmen dich auf, oder nackt, und wir gaben dir Kleider? Wann warst du krank, und wir sorgten für dich, oder im Gefängnis, und wir besuchten dich?' Dann wird der König antworten: ‚Ich will es euch sagen: was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr für mich getan.'"
(Mt. 25, 37-40)

Weniger beeindruckend aber für mich lehrreicher, da ich es selbst erlebte, ist folgendes:

Von einer Brieffreundin erhielt ich einmal folgende Zeilen: " ... Ich muss dir übrigens noch ein ganz großes Kompliment machen: Du kannst ganz arg tolle Briefe schreiben und findest die richtigen Worte. ..." Dadurch angespornt erwuchs in mir der Ergeiz, immer tolle Briefe schreiben zu müssen. Doch stellte ich bald fest, dass die Briefe statt besser immer nichtssagender und verkopfter wurden. Ich habe den Versuch wieder aufgegeben, immer gute Briefe schreiben zu wollen.

Da es einem Menschen also nicht gelingen kann, in einer bestimmten Situation gezielt gut zu sein, muss er sich viel mit dem Guten beschäftigen, um seine Grundhaltung zum Guten zu beeinflussen. Dann wird er aufgrund seiner positiven Grundhaltung in einer bestimmten Situation auch gut handeln. (Dasselbe gilt leider auch für das schlechte Handeln.)
Eine positive Grundhaltung wird einen Menschen jedoch nicht davor schützen, auch schlechte Taten zu vollbringen und abwegige Gedanken zu haben. Dies ist auch nicht notwendig. Er muss nur seine schlechten Seiten erkennen (oder sich wenigstens durch andere darauf aufmerksam machen lassen), und bereit sein, an ihrer Beseitigung zu arbeiten. Nur ein Mensch, der ständig bereit ist, an sich Fehler zu erkennen (ohne sie gezielt zu suchen) und an ihrer Beseitigung zu arbeiten, kann ein guter Mensch sein. Und selbst ein guter Mensch wird immer ein Gerechter und Sünder zugleich bleiben, wie es Martin Luther mit seinen Worten "simul justus et pecator" vor bald 500 Jahren festhielt. Doch stiftete er uns auch gleich noch Trost dazu, indem er uns durch die Gnade Gottes, und nur durch diese, Versöhnung zusprach: "Sola Gratia."

Zusammenfassung

Was gut ist und was man tun muss, um letztlich ein guter Mensch zu sein, kann einem niemand bis ins letzte Detail sagen. Ein guter Mensch ist offen und in seinen Handlungen ehrlich. Dabei ist er alleine auf sein Gewissen und seinen Glauben angewiesen, wobei das Gewissen vom Glauben beeinflusst wird. Des weiteren wird das Gewissen durch auch noch durch andere Umwelteinflüsse mitgeprägt.
Durch den Glauben und das Gewissen kann bei entsprechender Beeinflussung eine positive Grundhaltung aufgebaut werden, die es einem Menschen ermöglicht, wenn auch nicht in allen, so doch in vielen Situation gut zu handeln. Der Mensch muss sich ständig bemühen, gut zu sein, kann es aus eigenen Kräften allein aber nicht schaffen. Er ist immer auch auf positive Einflüsse aus seiner Umwelt und aus seinem Glauben angewiesen.

Bernd Herwanger (bh) 2001, auf www.yetnet.ch/dergutemensch